Vincenzo Lancia war ja nicht nur ein gelernter Buchhalter, der zum Mechaniker umsattelte, sondern auch Rennfahrer für FIAT. Und obwohl er als einer der schnellsten Fahrer seiner Zeit galt, konnte er das Ziel oft nicht erreichen. Die Fahrzeuge wollten seinem flotten Fahrstil einfach nicht standhalten und so häuften sich die technischen Defekte. Irgendwann war der Frust so groß, dass er gemeinsam mit Claudio Fogolin am 27. November 1906 seine eigene Automobilfirma gründete. Auf dem Programm standen technische Perfektion, Qualität, Exklusivität, Fortschritt und – ganz wichtig: gutes Fahrverhalten. So entwickelte sich Lancia in den 1920er- und 1930er-Jahren zu einer der innovativsten Automarken Europas. Die Prioritäten verschoben sich jedoch so sehr, dass Vincenzo mit dem Motorsportzirkus so gut wie nichts mehr am Hut haben wollte. Zum Glück standen dank einer Vielzahl von Privatfahrern Jahr für Jahr Lambdas, Augustas und Aprilias am Start der wichtigsten Rennen. Und zwar ziemlich erfolgreich.
Nach dem Tod von Vincenzo übernahm 1947 der damals 24-jährige Gianni Lancia das Ruder des Turiner Unternehmens. Und im Gegensatz zu seinem Vater hatte Gianni großes Interesse am Motorsport. Dank der großartigen Erfolge der Aurelia wie dem Klassensieg bei der Mille Miglia 1951, dem Klassensieg bei den 24 Stunden von Le Mans 1951, dem Gesamtsieg des Giro di Sicilia 1951, dem Dreifachsieg der Targa Florio 1952 und dem Gesamtsieg der Rallye Monte-Carlo 1954 gründete Gianni die Scuderia Lancia und legte damit den Grundstein für weitere historische Erfolge der Marke. So entstanden in dieser Zeit die Sportwagen D20, D23, D24 und D25. Die Motorsportbegeisterung Giannis ging sogar so weit, dass der legendäre D50 entwickelt wurde, ein völlig neuartiges Fahrzeug für die Formel 1. Den Erfolg heimste sich jedoch Ferrari ein, denn 1955 musste Gianni Lancia die Führung an den Bauunternehmer Carlo Pesenti übergeben und verkaufte die Rennabteilung an Ferrari.
Die Firma lief weiter und auch wenn kein Mitglied der Familie Lancia mehr aktiv am Unternehmen teilnahm, entstanden in dieser Zeit großartige Modelle wie Flaminia, Flavia und Fulvia. Alle drei sportlich aktiv, aber mit der Fulvia schrieb Lancia definitiv Rallye-Geschichte und dominierte jahrelang die italienische Rallye-Meisterschaft. Auch die Tourenwagen-Europameisterschaft 1967, die Rallye-Europameisterschaft 1969 und der Mitropa-Cup 1971 gehen auf ihre Kappe. Aber der wohl größte Triumph war der Sieg 1972 bei der Rallye Monte Carlo.
Trotz der vielen großartigen Erfolge machte die Firma Lancia Verluste und so wurde sie 1969 an FIAT verkauft. Man kann das gutheißen oder auch nicht, aber gerade in dieser Zeit erlebte Lancia speziell im Rallyesport seine absoluten Höhepunkte. Neben dem Stratos und dem Rally 037 war es der Lancia Delta, der die Rallye-Weltmeister-schaft über Jahre hinweg dominierte. Sieben Mal in Folge gewannen die Deltas die Italienische Rallye-Meisterschaft, vier Mal die Rally-Fahrer-Weltmeisterschaft, sechs Mal die Rallye-Europameisterschaft, und sechs Mal in Folge die Internationale Markenweltmeisterschaft. Ein Rekord, der bis heute ungebrochen ist.
Dann war es 30 Jahre still um Lancia, auch was den offiziellen Einsatz im Rallysport betrifft. Das Turiner Unternehmen wurde herumgereicht und landete am Ende bei Stellantis. Doch dann erblickten 2024 der Lancia Ypsilon Rally4 HF und ein Jahr später der Rally2 HF Integrale das Licht der Welt. Der Rally4 HF feierte bereits 2025 seinen ersten historischen Sieg in der Europameisterschaft bei der Barum Rally. Aktuell steht der Rally4 HF mit Marcel Neulinger in der Österreichische Rallye Staatsmeisterschaft ganz hoch im Kurs. Auf sein Konto gehen bereits die Jännerrallye, Rebland Rallye und Lavanttal Rally. Auch der Rally2 HF Integrale konnte bisher einige WRC2-Etappensiege für sich gewinnen, beginnend mit der Rallye Monte Carlo 2026. Beide Modelle sind derzeit in aller Munde und scheinen viel zu versprechen.
Trotz vieler großer, im Weg liegender Steine, gravierender Veränderungen und Prioritätenverschiebungen ist Lancia möglicherweise wieder auf dem Weg nach ganz oben im Rennzirkus.




